Kunstgeschichte

VL TK: Fliegende Teppiche und Paradiesgärten aus Seide - Orientalische Textilien und ihre Rezeption in Europa (unbenotet)

Dienstag, 10.03.2020

Im Mittelalter mussten Seidenstoffe – kostbares und prestigeträchtiges Material für sakrale und profane Gewänder von höchstem Anspruch – aus dem Nahen und Fernen Osten importiert werden, da es eine eigene Seidenproduktion in Europa nicht gab. Selbst als die Herstellung seidener Gewebe und anderer Ausstattungstextilien auch im Westen beherrscht wurde, blieben orientalische Stoffe wie auch Teppiche aus Persien und der Türkei in Europa begehrte Luxusgüter. Als Prestigeobjekte wurden sie an den europäischen Höfen der Frühen Neuzeit gesammelt; sie dienten der Ausstattung fürstlicher Interieurs und markierten den Status ranghoher Personen und zeremonieller Ereignisse von besonderer Bedeutung. Ihre Darstellung in Gemälden und Graphiken, aber auch ihre (textile) Nach-ahmung in Europa reflektieren diese herausgehobene Stellung und die Wertschätzung der Zeitgenossen für die kostbaren Importe. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert stellten die komplexen, vielfarbig leuchtenden Muster der orientalischen Textilien sowohl das ambitionierte europäische Kunstgewerbe als auch die sich als wissenschaftliche Disziplin formierende Kunst¬geschichte vor neue Heraus-forderungen: Sie galten als hervorragende Beispiele für die Konstruktion von Flächen¬dekors. Als solche fanden sie Eingang in ein neues Ornament-Repertoire; zugleich waren sie Gegenstand intensiver Studien zu den spezifischen Bedingungen und Eigenarten der Musterkonstruktion und ihrer Elemente (Julius Lessing, Alois Riegl, Wilhelm von Bode). Die Vorlesung wird in das Gebiet der „classical carpets“ einführen und die Teppiche, die seit dem 16. Jahrhundert das Bild vom orientalischen Teppich in Europa prägten, in herausragenden Beispielen vorstellen. Sie wird zugleich deren Funktion in europäischen Interieurs erörtern und dabei neben den Teppichen auch gewebte Ausstattungstextilien berücksichtigen. Die Forschungsgeschichte der orientalischen Teppiche – namentlich im Kontext der europäischen Kunstgeschichte und der Ornamenttheorie – wird einen weiteren Schwerpunkt der Vorlesung darstellen.

Dozierende(r): Prof. Dr. Birgitt Borkopp-Restle
10.03.2020:18:15 - 20:00
Ort: Hörraum 220
Hauptgebäude
Hochschulstrasse 4

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