Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (German Studies)

Ergänzungskurs (Vorlesung) LW II: Novellenanthropologie

Dienstag, 10.03.2020

Ungewohnt deutlich für eine literaturwissenschaftliche Einlassung zu einem etablierten Gattungsbegriff hat Volker Hoffmann 2008 in einem Aufsatz polemisch zugespitzt formuliert: „Novellentheorie ist barer Unsinn.“ Üblicherweise verhandelte lockere Merkmalskataloge, die etwa das Dingsymbol oder die Falkentheorie einschlössen, seien zur Analyse konkreter Texte kaum brauchbar, und die Herleitung der Novelle aus den romanischen Traditionen von Boccacio und Cervantes verdecke die Genese neuer literarischer Formen – zu denen Hoffmann auch den Bildungsroman und die Kindheits- bzw. Jugendautobiographie zählt – am Ende des 18. Jahrhunderts. Zugrunde liege diesen Gattungsneubegründungen eine markante diskursgeschichtliche Zäsur: die Entwicklung einer neuen Anthropologie zwischen Spätaufklärung und Frührealismus. Andere Stellungnahmen der vergangenen zwei Jahrzehnte zur Novelle haben eine ähnliche Tendenz. So betonen Wolfgang Lukas und Madleen Podewski (2011) etwa den Zusammenhang zwischen einer Genese der modernen Erzählgattungen Novelle und Roman mit einer „Wende zur Anthropologie“, und noch allgemeiner scheint gerade im 19. Jahrhundert gerade die unselbstständige Publikation von Erzähltexten in Zeitschriften, Erzählsammlungen und Almanachen zum genuinen Ort zu werden, der es erlaubt, dynamische Entwicklungen der Menschenbilder im fiktionalen Raum durchzuexerzieren. Die „Anthropologie des Bürgers“ – das neue bürgerliche Menschenbild des 19. Jahrhunderts – findet jedenfalls ihren Niederschlag (wenn nicht ihre Vorbereitung) in diesen Texten (Lukas 2000). Die Vorlesung bietet eine Annäherung an die Novelle vor dem Hintergrund dieser Einlassungen. Dabei werden sowohl ältere Gattungsdefinitionen erprobt als auch neue Sichtweisen der literarischen Anthropologie auf ‘Novellen’ zwischen 1810 und 1850 erprobt. Die Vorlesung versucht, die Popularität der Novelle in dieser Zeit einerseits vor dem Hintergrund ihrer mediengeschichtlichen Bedingungen (rasch veränderte Produktions- und Distributionsbedingungen, Journalliteratur) und andererseits im Kontext spezifischer didaktischer Aufgaben und Erkenntnisfunktionen zu profilieren. 1811: Heinrich von Kleist, „Der Findling“ 1823: Achim von Arnim, „Die Verkleidungen des französischen Hofmeisters und seines deutschen Zöglings“ 1832: Alexander von Ungern-Sternberg, „Die Zerrissenen“ 1835: Friedrich Hebbel, „Barbier Zitterlein“ 1838: Ludwig Tieck, „Des Lebens Überfluss“ 1841: Karl Goedeke, „Der Narr der Jugend“, „Der Abtrünnige“ 1842: Annette von Droste-Hülshoff, „Die Judenbuche“ 1842: Jeremias Gotthelf, „Die schwarze Spinne“ 1849: Karl Gutzkow, „Imagina Unruh“ 1853: Adalbert Stifter, „Kalkstein“ 1854: Jeremias Gotthelf, „Die Frau Pfarrerin“ 1860: Gottfried Keller, „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“

Dozierende(r): PD Dr. Christian von Zimmermann
10.03.2020:08:30 - 10:00
Ort: F 021, Hörraum
Unitobler
Lerchenweg 32-36

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