Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (German Studies)

Ergänzungskurs (Vorlesung) LW II: Das Barbarische in Literatur und Anthropologie des 18. Jahrhunderts

Donnerstag, 12.03.2020

Seit der Antike ist das Konzept des Barbarischen für das europäische Selbstverständnis von Gewicht. Zwar ist die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Nomens und Adjektivs bárbaros – ‘fremd(-sprachig)’ – in den modernen Sprachen verblasst. Bis heute hat der Begriff aber die im klassischen Griechenland des 5. Jh.s v.u.Z. aufkommenden ethnozentrischen Bedeutungen ‘wild’, ‘grausam’ und ‘unfrei’ bewahrt wie auch die gleichzeitig antithetische und ‚asymmetrische‘ (Koselleck) Argumentationsstruktur, die mit seiner Verwendung gegeben ist. Die historische Anthropologie des 18. Jahrhunderts benutzte das Attribut des Barbarischen allerdings nicht mehr einfach in dieser klassisch-antiken, polarisierenden Bedeutung. In den Kulturstufentheorien der Aufklärung wurde der Barbar zu einem Vorfahren der eigenen Zivilisation, einem nomadischen Hirten, der zu einer Zeit gelebt haben soll, in der zwar auch Raub und Ausbeutung vorkamen, die Rousseau aber offen als „siècle d’or“, als Goldenes Zeitalter bezeichnete. Diese moderne Konzeption des Barbarenbegriffs war beeinflusst von einer damals äusserst populären Gattung, auf die sie ihrerseits wieder zurückwirkte: von der Schäfer- und Idyllenliteratur, die das Hirtenleben seit der Antike zum Thema hatte. Vor dem Hintergrund dieser zeitgenössischen Ausdifferenzierung der Barbarensemantik sollen in der Vorlesung daher einerseits Idyllen neu gelesen werden, andererseits auch kanonische Texte wie Goethes 'Die Leiden des jungen Werther', Schillers 'Wilhelm Tell' oder Rousseaus 'Émile', in denen Idyllentopoi eine wesentliche Rolle spielen.

Dozierende(r): Prof. Dr. Melanie Rohner
12.03.2020:12:15 - 14:00
Ort: F 022, Hörraum
Unitobler
Lerchenweg 32-36

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